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Gewalttätige Ausschreitungen, was bedeutet das eigentlich?

Im Rahmen der Demonstration kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen …es flogen Steine und Flaschen, auch Feuerwerkskörper wurden gezündet.

So oder so ähnlich ist eine inzwischen typische Pressemeldung nach „politischen“ Kundgebungen.

Ok, also mal ein wenig auf den Nachrichtenportalen gesucht, aber auch sowohl dort als auch auf youtube sind weder Bilder noch Videos der „Ausschreitungen“ zu finden … vor dem Hintergrund, dass inzwischen eigentlich ständig gefilmt und geknipst wird, doch schon etwas befremdlich. Ein paar Rangeleien sind zu sehen, aber damit leben wir ja inzwischen.

Auch keine Meldungen über Verletzte, Schäden und Festnahmen … was allerdings zu sehen ist, ist ein Aufzug, aus dem eine ziemlich motivationslos geworfene Flasche fliegt. Man kann sogar einen Böller hören. Wichtig sind auch die Szenen, bei denen „gewaltbereite Teilnehmer“ sich mit Polizisten rangeln … ich muss wohl mein Weltbild korrigieren.

Gewalttätige Ausschreitungen sehen für mich anders aus, wobei ich in Frage stelle, ob es auch gewaltlose Ausschreitungen geben kann … vlt. Waldorfschüler, die beim Tanzen völlig die Kontrolle verlieren und ekstatisch einen Harlem Shake darbieten? Egal, issn anderes Thema, das zu einem anderen Zeitpunkt diskutiert werden kann.

Worauf ich raus will, ist die veränderte Wahrnehmung des Begriffes „gewalttätige Ausschreitungen“.

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der wir einem Mob von einigen Hundert vermummten Autonomen gegenüberstanden, die uns tausende Pflastersteine entgegenwarfen, die uns von Dächern mit Gehwegplatten eindeckten und denen scheißegal war, ob der Bulle, der den nächsten Molli frisst, einfach mal verbrennt und verreckt.

Um es ein bisschen greifbarer zu machen, einfach eine der vielen Geschichten …

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Wir waren als Zug (also mit über 20 Leuten) unterwegs zu einem Einsatz. Während wir unterwegs waren, bekamen wir die Anweisung, unseren Funkkanal zu ändern und uns auf dem neuen Kanal anzumelden. Wir wussten zwar, dass zeitgleich eine Demo durch Kreuzberg zog, aber wir hatten keine Info, was dort los war. Schon beim Umschalten auf den neuen Kanal war uns sofort klar, dass hier etwas schreckliches passierte … der vorher so gesittete und ruhige Funk war plötzlich chaotisch und laut.

Hilferufe, Schreie, Einschläge von Steinen auf Autos … und alles durcheinander.

Okeeee …. also sofort und verdammt schnell ab in den Krieg. Wir hatten noch immer keine Ahnung, wie schlimm es inzwischen dort war, ahnten aber, dass es nicht lustig wird. Aber Scheiße … das Adrenalin fühlt sich gut an.

Auf der Fahrt irgendwie die Schutzausrüstung anziehen, gegenseitig helfen, damit es schneller geht und ständig die Hilferufe über Funk im Ohr … „Ich brauch hier dringend Unterstützung, die versuchen, meine Karre mit ner Axt aufzumachen“

Langsam kommt auch Wut und Hass dazu … wenn Du erlebt hast, wie jemand neben Dir, mit dem Du unterm Strich mehr Zeit verbringst, als mit Deiner Familie, schreiend zusammenbricht, weil er von Irgendetwas an einer ungeschützten Stelle getroffen wurde, verdrängst Du Angst. Risikobereitschaft, Wut und sogar Hass dominieren Dich. Dazu noch ein Adrenalinspiegel, der für andere einen ganzen Monat reichen würde.

Wir kommen auf der Skalitzer an und sehen eigentlich nichts anderes als Blaulichter, Feuer und Rauch … sporadisch schlagen ein paar Steine auf den Autos ein. Weiter zum Treffpunkt über eine Straße, auf der so viele Steine liegen, dass man die Gehwege in einem Brandenburger Dorf komplett hätte sanieren können.

Am Treffpunkt erfuhren wir, dass die Einheit, die wir unterstützen sollten, inzwischen über 30 Verletzte hatte … einige haben die Jungs selber ins Krankenhaus gefahren, weil die Feuerwehr angegriffen wurde.

Plötzlich kamen die Steineinschläge auf den Wagen. In einer Frequenz, an der sich Techno ne Scheibe abschneiden könnte.

Wer sowas noch nicht gehört hat, sollte sich mal in ein normales Auto setzen und ein paar Leute gleichzeitig auf das Dach trommeln lassen … macht schon Eindruck, wenn man es nicht kennt.

Alles rennt los in Richtung der Steinewerfer. Die meisten vermummt und natürlich in schwarz.

In der Zeit die Autos wenden, damit man sich schnell zurückziehen kann … alles im Steinhagel, wenn der Wagen brennt, hoffen, dass jemand da ist der die Karre ablöscht.

Die Zeit vergeht inzwischen in Zeitlupe. Wo sind die Jungs, was ist los? Die ersten kommen zurück, einer stützt einen anderen Kollegen, der nicht mehr laufen kann.

Einer kommt blutüberströmt und ohne Helm zurück. Er wurde von mehreren gleichzeitig angegriffen, der Helm vom Kopf gerissen und mit Pflastersteinen eingedeckt ….

 

Unser Fazit, nach einmal Absitzen, um Kollegen zu helfen – über 50% Verletzte.

Aber zu der Zeit waren auch noch Autonome und Antifa auf der Straße, die wenigstens Arsch in der Hose hatten (muss ich im Nachhinein einfach mal anerkennen) und nicht heimlich nachts Autos und Metal-Pubs anstecken, weil sie genau dabei keine Konfrontation fürchten müssen und sich hinterher in ihren eigenen Foren für ihre „Heldentaten“ feiern.

Der musste jetzt sein.

Worauf ich hinaus will, ist die Benutzung der Phrase „gewalttätige Ausschreitungen“

Nach meinem Empfinden hat eine motivationslos geworfene Flasche oder ein Böller eine andere Wertigkeit als Steinhagel, Molotoffcocktails oder selbstgebastelte Bomben.

Der Kontakt zur Seite KGGP erinnerte mich gerade an 2009, als wir mit 479 verletzten Kollegen eine der schlimmsten Ausschreitungen erlebten … ich selber hatte es schon verdrängt

 

Aber ist nur meine persönliche Ansicht. Das Empfinden von Gewalt lässt sich nun mal nicht an Maßstäben festmachen.

Ich für mich weiß, eine Menge und Intensität von Gewalt erlebt zu haben, die für viele sicherlich erschreckend wäre.

Gewalt auf beiden Seiten …letztendlich waren wir damals auch nicht besser

 

to be continued

 

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