Weil mich neulich ein Kollege der Bundespolizei fragte, wie es bei uns so aussieht

Fast jeder kennt das. Du sitzt im Büro und musst mal länger machen, weil du plötzlich noch nen Stapel Akten auf dem Tisch hast. Ok, Anruf zuhause …. ″Ich komm später″

Was es aber für uns, also Sicherheits- und Rettungskräfte bedeutet:

Kurz vor Schichtwexel kommt der Auftrag rein ″Schlägerei wo auch immer, alle Wagen sofort raus″

Du weist sofort, dass Dein Feierabend nur noch ne Illusion ist. Und kannst nicht mal Deine Frau oder Deinen Mann anrufen, weil Du einfach keine Zeit hast … Überstunden gemacht und dazu noch einen Termin vermacht, weil Du nicht telefonieren kannst.

Andere Variante … Du freust Dich auf ein Wochenende mit Deinem Partner, musst aber plötzlich doch noch zum Dienst. Und nur weil ein gelangweilter Gutmensch mit einem langweiligen Leben der Meinung ist, eine Weltverbesserungsdemo anmelden zu müssen. Hauptsache, den Teilnehmern geht’s gut und sie haben das Gefühl, etwas zu bewegen. Auch wenns keine Sau auch nur ansatzweise interessiert.

″Geh doch alleine dorthin, hab Spaß″ ist auch wenig Trost für Deinen Partner. Karte fürs Konzert oder welches Ereignis auch immer kannste einfach mal in die Tonne drücken.

Jetzt mal Butter bei die Fische.

Wir, als Berliner Polizei, schieben rund 1.000.000 Überstunden vor uns her. Der Polizeipräsident spricht von unter 1 Mio, die Gewerkschaften schätzen allerdings auf 1,2 Mio. Es gibt leider keine genaue Zahl, also gehen wir mal, der Einfachheit halber, von 1 Mio aus.

Ist erstmal ne abstrakte Zahl, darum versuch ich mal, diese Zahl mit Leben zu füllen …

Der vollzeitäquivalente Beamte (geile Formulierung, wa?) wird im Jahr mit 1446 Stunden aufgerechnet. Darin sind Arbeitszeit, Urlaub und durchschnittliche Krankheitstage enthalten. Wir sind ca 16.416 Beamte im aktiven Dienst (Zahl aus 2016).

Spielen wir mal mit Zahlen …

Die Anzahl der Überstunden dividiert durch die jährliche Arbeitszeit entspricht knapp 700 (691,5), was bedeutet, dass alleine durch die Anzahl der Überstunden fast 700 Beamte fehlen. Bei diesen 700 Stellen ist allerdings nicht eingerechnet, dass die Arbeitsbelastung immer weiter steigt und wir mit einer Ausrüstung arbeiten müssen, die vor 2 Jahrzehnten mal aktuell war.

Oder anders gerechnet, jeder Beamte schiebt ca 60 Überstunden vor sich her. Also könnte die Behörde ″Polizei″ für eineinhalb Wochen komplett nicht mehr erreichbar sein, nur, um die Überstunden abzubauen. Wenn wir diese Zahl umrechnen könnten, auf die paar Kollegen, die auf der Straße direkter Ansprechpartner sind, würde sich dieser Wert vermutlich vervielfachen.

Ich kenne Kollegen, die einige hundert Überstunden vor sich her schieben, die also einfach mal einige Monate nicht da wären, wenn sie diesen Berg abbauen würden.

Oder mal als unvorstellbare Zahl, schiebt die gesamte Institution Polizei bundesweit geschätzte 22.000.000 Überstunden vor sich her. Auch völlig absurd eigentlich.

Ich werde in meinem Berufsleben ungefähr 58.000 Stunden gearbeitet haben … rechnet selber mal.

Aber wen interessiert es denn eigentlich, solange wir das System am Laufen halten?

Wochen ohne Polizei auf der Straße … kennt Ihr ″The walking Dead″?

Was bedeutet es eigentlich, wenn keine Polizei, kein Prellbock, mehr da ist?

Der hilflose Bürger, dem der Nachbar zu laut ist, müsste selber mal klingeln gehen und fragen, ob die Party in der Nachbarwohnung vlt. doch mal etwas leiser sein könnte, weil er um 04:30 Uhr aufstehen muss.

Deine Frau geht kurz zum Geldautomaten, damit ein wenig Bargeld im Haus ist, wird dabei überfallen. Geld weg, Karte weg, Konto geplündert und Deine Frau wurde vergewaltigt. Ist ja keiner da, der sich kümmert.

Dein Kind kommt von der Schule nach Hause und hat Hunger, weil das Essensgeld erpresst wurde. Nebenbei auch noch das smartphone weg. Was solche Erlebnisse mit Kindern machen, können wir uns ausmalen.

Du hast Dir in jahrelanger Arbeit einen Laden aufgebaut, plötzlich kommt der dritte Überfall diese Woche, obwohl Du schon nach dem ersten Raub nicht mehr wusstest, wie Du Deine Rechnungen bezahlen sollst.

Und Überstunden werden immer öfter durch einen belanglosen kackpissdreckscheiss produziert.

Hilflose Bürger, die mimimi winseln, weil sie der Meinung sind, dass hier die Polizei einschreiten muss, weil sie sich selber nicht die Finger schmutzig machen wollen. Ihr kennt das …

Ich bin schlicht und einfach der Meinung, dass Berlin innerhalb von wenigen Stunden in Anarchie verfallen wird, wenn niemand da ist, der seinen Arsch riskiert, um einen Flächenbrand zu verhindern. Die Clans würden in kürzester Zeit die Macht übernehmen, von nun an gilt das Recht des Stärkeren.

Rechtsfreie Räume existieren schon jetzt, auch wenn dies immer wieder vehement dementiert wird, wenn aber niemand mehr da ist, um die ″Normalität″ zu verteidigen, wird aus diesen Räumen ein Flächenbrand entstehen, da ja jeder Rechtsbruch ohne Konsequenzen bleibt.

Sicherlich werden Bereiche wie Neukölln, Spandau oder Kreuzberg und Friedrichshain anders reagieren, als beispielsweise Pankow oder Köpenick … aber machen wir uns mal nichts vor. Wenn ein Bezirk von der Kriminalität überrannt worden ist: Der nächste Bezirk wartet.

Das hat jetzt sicherlich ein wenig von Endzeitstimmung, aber als jemand, der täglich auf der Straße arbeitet, kenne ich das Gewaltpotential, das nur darauf wartet, entfesselt zu werden.

Und weil mir grad auffällt, dass ich den Ausdruck ″Verfickte Scheisse″ hier noch nicht benutzt habe …Verfickte Scheisse nochmal, letztendlich machen doch nur die letzten Idealisten noch möglich, dass das Prinzip ″Polizei″ weiterhin funktioniert.

Und gegen Herrn Wendt, der Missstände einfach öffentlich anprangert, wird ein shitstorm los getreten, der nichts mehr mit neutraler Berichterstattung zu tun hat.

In diesem Sinne, entspannt Euch, es gibt uns immer noch, damit Ihr ruhig leben könnt.

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