Mit diesem  Ende hat wohl keiner der Demonstranten und der Asyl Suchenden, so schnell gerechnet. Geplant war die Räumung der GHS und wer ein bisschen Hirn oder gar Erfahrung hat, kann sich ausmalen, was das hätte bedeuten können. Am gestrigen, späten Abend hat einer der der Verhandlungsführer, Hans-Christian Ströbele – Die Grünen- verkündet, dass die Flüchtlinge das Einigungspapier unterschreiben werden. Öffentlich. Das haben sie auch getan. Wie allerdings die Hauptforderung der Flüchtlinge auf dauerhaftes Bleiberecht umgesetzt werden kann, ist noch offen. Ein Teil der Schule soll nun den Menschen, die Asyl suchen, zur Verfügung gestellt werden. Die Absperrungen sind abgebaut, trotzdem werden noch einige Beamte der Polizei vor Ort bleiben.
Und nun: Kehrt alle zurück, in die Normalität des täglichen Wahnsinns.
Rückblende zum 2.7.2014
Die Gerhart-Hauptmann-Schule hätte sich wohl nie träumen lassen, dass sie zu einer so brisanten und traurigen Berühmtheit mutiert. Was in diesem Zusammenhang die schwindende Kraft, die zum zerreißen gespannten Nerven und fehlender Schlaf bedeutet, wissen nur jene, die beharrlich Tag und Nacht hier sind. Solidarität. Mit Menschen, die in diese Schule geflüchtet sind. Die meisten von ihnen stammen aus Afrika. Aktuell sind noch ca. 40 Menschen in dem Schulgebäude. Anwohner, Organisatoren der Demo und auch Unternehmer sorgen dafür, dass Lebensmittel organisiert werden, um sie zu den Asylsuchenden hinauf zu bringen. Die Kreuzberger. Solidarität ist hier seit über 40 Jahren eine eigene „Institution“. Bei Unrecht wird aufgestanden. Wir bewegen uns auf der Reichenberger – Ecke Ohlauer. Die besetzte Schule liegt zwischen Wiener und Reichenberger. Beide Seiten zur Ohlauer sind abgesperrt und durch Polizei aus Lüneburg und NRW.
Wir fragen uns, wieviel Kohle das Ganze bereits verschlungen hat. Seit 8 Tagen sind  und  24/7 im Einsatz. Für eine Aktion, dessen Ausgang -leider noch- im unsicheren Nebel vor sich hinwabert. Die Inhaber kleiner oder mittelständischer Unternehmen müssen wohl durch die Anwohner „überleben“, denn von außen darf niemand rein. Die Besitzer von Spätis, Kneipen oder mittelständischen Unternehmen oder künstlerische Kleinstbetriebe, gehen einfach mal seit 7 Tagen Einnahmen flöten. Vermieter wollen am Ende des Monats die Kohle auf dem Tisch. Es sei denn, von jetzt auf gleich wird gestürmt und geräumt. Keiner der Besetzer wird sagen:“Na guuuut, ihr habt gewonnen“. Will sich z.B. eventuell der Innensenator später vorwerfen lassen müssen, dass es dabei Verletzte gab oder gar ein schlimmeres Ende nimmt? Ganz bestimmt nicht !
Wir hören Infos wie: „Die Flüchtlinge haben angedroht sich mit Benzin zu übergießen und anzuzünden“. Ein unvorstellbares Szenario…. und doch versuche ich zu überlegen, wie wohl Treibstoff in die Schule gelangt sein mag. Darf ein Staat sich erpressen lassen? Klares Nein. Manchmal schlägt mein Hirn ja Purzelbäume und mir kommt das Lied von Nicole in den Sinn: „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude“… Schon damals waren Bewusstseinserweiternde Drogen frei zugänglich. Wir treffen einige Leute, die wir kennen. Miguel, Freund und Drummer von Puto Production sitzt an einem Laptop, mitten auf der Reichenberger Straße. Er kümmert sich seit um die Technik, damit Musiker besser zu hören sind. Aber am wichtigsten ist natürlich, dass über den Laptop der Kontakt zu den Flüchtlingen hergestellt werden kann.
Wir stehen hinter Miguel am Tisch und erleben mit, wie eine aktuelle Botschaft der Asyl Suchenden ankommt. Gänsehaut. Der Mann, dessen Botschaft wir sehen und hören, gab uns den Titel zu dieser story.“The system has fucked up“. Das Mikro für Durchsagen ist mit schwarzem Tape an einer Aluleiter befestigt. Der Strom dafür, wird von einem Privathaushalt gesponsert.  Miguel legt passenden Sound auf. .Talking about a Revolution, von Tracy Chapman und der Rauch Haus Song von Ton Steine Scherben. Miguel, ebenfalls seit 7 Tagen im Einsatz und völlig platt. Wir sprechen mit Jasper und Rafael. Beide vom Organisationsteam Ohlauer Straße. Rafael ist mit den Kräften ziemlich am Boden. Mehr als 3-4 Stunden pro Nacht schläft er nicht, sagt er. Man sieht es ihm deutlich an. Auf dem Gehweg steht ein Tisch. Riesige Töpfe, mit selbst Gekochtem und Brot stehen hier. Für alle, die herkommen, ausharren. Man hält in jeder Hinsicht zusammen.  Von den Balkonen hängen Transparente: „Schutz der Menschenwürde – Refugees are welcome“. Die Demonstranten berufen sich auf Artikel 23, der Genfer Flüchtlingskonventionen. Dieser Artikel garantiert Flüchtlingen die gleiche staatliche Unterstützung, wie den eigenen Staatsbürgern.
„Fight for your rights“ – Natürlich, was denn sonst.
Solange keiner bleibenden Schaden dabei nimmt.

 

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